Bergedorfer Zeitung 8.9.2014

Beherzt durch die Nacht der Kirchen

Mitgemacht: Abwechslung mit Musik und Stille, Fröhlichkeit und ernsten Gedanken

Von Wiebke Schwirten

Die "Nacht der Kirchen" beginnt für mich auf der Kirchenbrücke in Allermöhe: Glutrot versinkt da die Sonne in der Dove-Elbe, spiegelt sich wider im glatten Wasser, während Kühe zur Linken grasen und leichter Nebel die Gewächshäuser zur Rechten einhüllt. Was für ein Idyll. Was für ein Auftakt.

In der Dreieinigkeitskirche spricht Pastor Michael Ostendorf gerade über eine alte Holzskulptur aus seinem Arbeitszimmer. Ein sitzender Denker ohne Bauch. "Beherzt" ist das Thema der Nacht. Und so erfahren wir, dass für den Denker Herz und Verstand übereinstimmen und im Kopf angesiedelt sind, rein symbolisch natürlich. In der Bauchregion wurden früher die Gefühle verortet.

Mit viel echtem Gefühl geht es weiter: Kantorei, Solisten und Orgel füllen die Kirche mit "Missa Lumen". Großartig. Danach Stille. Lange. Das, was da laut pocht, ist das eigene Herz. Und das wird noch stärker. Denn Pastor Michael Ostendorf greift zur Gitarre und singt eigene Lieder. Mit ihnen und den Geschichten, die er dazu erzählt, lässt er alle intensiv an seinem Leben teilhaben. Trauriges schnürt die Kehle zu, Freches lässt schmunzeln. Jede Silbe, jeder Ton geht zu Herzen.

Das Bläserensemble "Duuk di" spielt auf, als ich wieder in meinem Auto sitze. Richtung Vierlanden. Vermutlich erklingen in der Curslacker Kirche gerade "Herzensmelodien" und auch in Kirchwerder steht "Musik fürs Herz" auf dem Programm. Ich zappe durch die Sender des Autoradios, bleibe bei "The eye of the tiger" hängen. Das rockt richtig und passt ja irgendwie gar nicht zur melancholischen Stimmung. Und doch. Denn es weckt schöne Erinnerungen an die Bigbandzeiten der geliebten Tochter. Herzenssachen eben.

An der Feldstegel weisen Teelichte in Einweckgläsern den Weg zur Kirche. Draußen sitzen Menschen zusammen, plaudern, trinken ein Glas Wein. Gemütlich sieht das aus. In der Kirche wird im Altarraum munter gebastelt und gemalt, Herzen natürlich. Dann greifen Lena und Florian Reith zu ihren Gitarren und eröffnen ein Wunschkonzert mit Zeltlagerliedern und mehr. Gut 60 Lieder stehen zur Auswahl, das Publikum ruft die Nummern der gewünschten Lieder nach vorn. Die meisten sind Neuland für mich. Da hab ich doch was verpasst mit den Zeltlagern. Aber Lena und Florian Reith reißen mich mit, ihre Stimmen führen auch meine. Es macht Spaß zu Singen, das habe ich lange nicht gemacht. "Da bin ich morgen ja heiser", sage ich beim Hinausgehen zu Pastorin Doris Spinger und bedanke mich lächelnd. Sie strahlt und meint: "Da haben wir doch alles richtig gemacht." Stimmt - und es gilt nicht nur für diese Nacht und für alle Kirchen, die sich für die Menschen öffnen und für sie da sind.

Quelle: Bergedorfer Zeitung


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